Die Evolution
Frank Weinreich
08/05
Woher kam das Leben und wie
wurde es zu dem vielfältigen Biokosmos, der uns heute
(noch) umgibt? Diese Frage kann auf mannigfaltige Weise
beantwortet werden. Nach allgemeinem wissenschaftlichen
Wissen gibt es aber nur eine Erklärung, die – ohne
Rückgriff auf metaphysische Spekulationen – intersubjektiv
gültige und empirisch begründete Aussagen zu treffen
imstande ist: die Evolutionstheorie in der Nachfolge
Charles Darwins. Der folgende Aufsatz versucht, das
wissenschaftliche Prinzip der Evolution so knapp wie
möglich zu erklären, um aufzuzeigen, was man über die
Entstehung des Lebens weiß und auch um aufzuzeigen, was man
darüber überhaupt prinzipiell wissen ('wissen' im Gegensatz
zum 'glauben') kann.
Neben einer Erklärung des Evolutionsgedankens dient dieser
Artikel auch als eine Grundlage für die auf diesen Seiten
angestellten Überlegungen zur Bioethik und stellt insofern
auch eine Ergänzung zu meinem Ethikbuch „Anspruchsvolle
Schlüsse“ dar, die aus Platzgründen keinen Eingang in
dieses Werk fand (Weinreich 2005).
I. Nichtteleologische
Entwicklungen
Die Entstehung des Lebens innerhalb der Geosphäre verdankt
sich einer Kombination bestimmter astronomischer Parameter
(Größe der Erde, der Sonne, des Mondes, Entfernung dieser
und der anderen Himmelskörper des Sonnensystems zueinander
usw.) und der in unserem Universum herrschenden
Naturgesetze, die nur geringste Schwankungen in ihrem
Zusammenspiel erlauben, ohne dass das uns bekannte Leben zu
Grunde ginge beziehungsweise gar nicht erst entstanden
wäre, da es unabdingbar auf eben die Kombination von
Schwerkraft, Strahlung und Geochemie angewiesen ist, die
auf der Erde zusammentraf. Der Spielraum ist so eng, dass
der Gedanke nahe liegt, dies müsse von einer bewussten
Schöpferkraft so arrangiert worden sein: Dies vermutet etwa
auch heute noch George Ellis als einer der bekanntesten
Vertreter des starken anthropischen Prinzips, welches
besagt, dass der „Zweck des Universums“ die Hervorbringung
des Menschen bzw. vernünftigen Lebens ist. (Ellis 1993,
zit. n. Genz 1996, 310). Auf diesen Gedanken stützen sich
die physiko-theologischen Gottesbeweise, die ursprünglich
noch in Unkenntnis der wirklichen Komplexität der
Naturgesetze und des Kosmos formuliert wurden. Es scheint
also auf den ersten Blick plausibel, dass die
Argumentation, die hochkomplexe Art der Ordnung des
Universums beweise die Existenz eines göttlichen Designers,
im Lichte der modernen Naturwissenschaften noch näher
rücken könnte – und wie Ellis‘ erst 1993 erschienenes Buch
zeigt, werden metaphysische Spekulationen dieser Art auch
weiterhin angestellt. Allerdings kann diese Art des
Gottesbeweises spätestens seit Kant auch als widerlegt
angesehen werden: "So ist überall kein genugtuender Beweis
aus bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens
möglich" (KWA IV, B648-B658, Zitat 648).
Allerdings haben gerade die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt, dass die
Entstehung des Universums, des Sonnensystems und unserer
Erde einen, anhand der bekannten Naturgesetze abbildbaren
und durch wissenschaftliche Beobachtung und Experimente in
großen Teilen überprüfbaren Prozess darstellen, der die
Komplexität von Leben und Kosmos ganz ohne transzendentale
Einflüsse schlüssig zu erklären vermag, obwohl einzelne
Bausteine auf dem Entwicklungsweg und einige makro- wie
mikrokosmische Phänomene (noch) nicht erklärbar
sind.1 Die
Naturwissenschaften vermögen keine zuverlässigen
Aussagen über die Zeit vor der Entstehung des Universums
zu formulieren, die über bloße Spekulation hinausgehen.
Damit verbleiben Metaphysik und insbesondere der
Theologie reichlich Raum für ihre Modelle. Doch bei
Spekulation muss es mit Kant gesprochen bleiben, solange
wir die "Herrlichkeit" des "Weltregierers [...] nur
mutmaßen, nicht erblicken oder klar beweisen" können
(KWA VII, 282) und dies scheint prinzipiell unmöglich zu
sein. Aber innerhalb des Zeitrahmens von der Entstehung
durch einen explosionsartigen Anfang (Urknall oder "Big
Bang") bis zur Entwicklung personalen Lebens ist die
Erklärungskette schlüssig und kommt ohne transzendentale
Elemente aus: Das Sein des Kosmos ist möglich "ohne Gott
und Geist" (Dennett 1996b, 30).
Auch für die im starken anthropischen Prinzip enthaltene
Annahme einer teleologischen Entwicklung gibt es keine
empirischen Belege. Die physikalischen und chemischen
Grundlagen waren mit der Entstehung des Kosmos in Form der
Naturgesetze gegeben. Entwicklung fand nur im Bereich der
Organisation von Materie statt und hier ist das Organische
von besonderem Interesse.
Das Leben auf der Erde entstand aus dem Anorganischen – mit
annehmbarer Sicherheit können wir Aussagen über
Lebensprozesse nur von unserer Erde machen – und
differenzierte sich zu immer größerer Komplexität. Diese
(‘Fort-‘)Entwicklung des Lebens bis zum Erwachen des
selbstreflexiven Bewusstseins ist aber gänzlich durch
Variation und kumulierende Selektion,2 die aus der durch
Gen-Transfer, sexuelle Rekombinationen, Mutationen usw.
zur Verfügung gestellten Variabilität
‚auswählt‘,3 zu erklären:
Variation ist "blind" und die natürliche Selektion
erscheint "nicht zufällig oder ursachelos; sie [ist]
jedoch nicht auf bestimmte Merkmale oder Anpassungen
ausgerichtet" (Vollmer 1995c, 97). Diese Erkenntnis ist
so neu nicht. Aus erkenntnistheoretischer Sicht wusste
schon Kant in §75 der Kritik der Urteilskraft zu
bestimmen, dass teleologische Postulate nur innerhalb
eines metaphysischen Erklärungsrahmens angestellt werden
können (KWA X, 349ff.). Die empirisch fundierte
Erklärung folgt dieser Einsicht in der Anwendung des
deduktiv-nomologischen Modells, das durch die großen
Physiker des 17. Jahrhunderts begründet wurde und
seitdem das wesentlichste Element
naturwissenschaftlicher Begründungsmodelle in der
Wissenschaftstheorie ist. Mit der Erklärung von
Ereignissen aus ihren Antezedensbedingungen und
universellen Naturgesetzen waren von den – bis dato
weitgehend anerkannten – bei Aristoteles unterschiedenen
vier Ursachen (Physik, 194a16-26) aller möglichen
Erklärung des Seins von Dingen und ihrer Veränderung
allein die "Wirkursache" übriggeblieben. Die Ablehnung
aristotelischer "Finalursachen" wird in Spinozas Ethik
auf den Punkt gebracht: "Jedes Einzelne oder jedes Ding,
das endlich ist und eine bestimmte Existenz hat, kann
nur existieren und zum Wirken bestimmt werden, wenn eine
andere Ursache es zum Existieren und Wirken bestimmt hat
[...] und so weiter ins Unendliche" (SpW} II, Teil I,
prop. 28). "In der Natur ist nichts Zufälliges, sondern
alles ist kraft der Notwendigkeit der göttlichen Natur
bestimmt, auf gewisse Weise zu existieren und zu wirken"
(SpW II, Teil I, prop. 29). Ersetzt man in Lehrsatz 29
die "göttliche Natur" durch "Ursache" hat man die Essenz
des deduktiv-nomologischen Erklärungsansatzes erfasst
und gerät in große Schwierigkeiten, teleologische
Postulate zu begründen. Für die Biologie wurde von Mayr
(1974) der Begriff der Teleonomie eingeführt, um die
Selbstorganisationsprozesse des Lebens als rein kausal
und unter Absehung jeglicher teleologischer
Erklärungsversuche zu beschreiben. Dass die genannten
Erkenntnisse umstritten waren (und es manchmal immer
noch zu sein scheinen) erklärt sich damit, dass es für
viele Menschen offensichtlich eine psychologisch
gründende Schwierigkeit darstellte, sich die Geschichte
von Welt und Kosmos als nicht auf das Endziel der
Hervorbringung von Intelligenz (also von uns Menschen)
vorstellen zu können. Thomas Kuhn schreibt
beispielsweise, dass die größte Schwierigkeit, Darwins
Evolutionstheorie anzuerkennen, darin bestand, dass sie
jegliche Zielgerichtetheit ausschloss.4
Der Philosoph Daniel Dennett prägte im Zusammenhang der
Teleologiediskussion in den Naturwissenschaften das
illustrative Bild von Kränen und Lufthaken ("cranes and
skyhooks"), die bemüht werden, um das wissenschaftliche
Weltbild zu erklären (Dennett 1996a, 73-80). Empirische
Erkenntnis baut sich aus Annahmen und Beweisen für diese
Annahmen auf – natürlich immer vorläufig bleibend, da
ständig ‚bedroht‘ vom Falsifikationsprinzip.
Die nach wissenschaftlichen Prinzipien gesicherten Annahmen
sind die Bausteine, aus denen das Gebäude der
naturwissenschaftlichen Erkenntnis errichtet wird. Gebäude
werden aufgerichtet, indem der Maurer auf der verlässlichen
Grundlage eines Gerüsts oder dem Boden stehend, Stein um
Stein aufschichtet. Bei größeren Gebäuden werden die
Bausteine unter Zuhilfenahme von Kränen aufeinander
geschichtet, aber auch diese Kräne stehen auf dem Boden und
selbst wenn Kräne benötigt werden, um andere Kräne
zusammenzubauen, so bleibt die gesicherte Grundlage
erhalten, von der alles ausgeht (Dennet 1996a, 75). Kräne
sind aber teuer (75). Viel einfacher und billiger wäre es,
wenn man Haken in der Luft befestigen könnte, an denen man
die Bausteine hochziehen könnte, um sie aufeinander zu
schichten. Lufthaken werden sogar vergleichsweise immer
billiger, je höher das Gebäude ist, während die Kräne
zugleich immer teurer werden. Das einzige Problem ist, dass
es keine Lufthaken geben kann.
Die Kräne und Haken in Dennetts Bild sind die
wissenschaftlichen Theorien, die dazu dienen, die
Erkenntnisbausteine zusammenzufügen. In den
Erfahrungswissenschaften bedarf es einer ebenfalls in der
Empirie verwurzelten Theorie, die, wie oben
vorausgeschickt, falsifizierbar sein muss, was
metaphysische Annahmen nicht sind. Die Zuhilfenahme
transzendentaler Erklärungen trägt nach den anerkannten
Kriterien der Erfahrungswissenschaften nichts zur weiteren
Erkenntnis empirischer Sachverhalte bei, da der
Zusammenhang zwischen Empirie und Metaphysik spekulativ
bleibt.
II. Evolution
Das Leben auf unserer Erde lässt sich heute experimentell
bis zu seinen Anfängen nachvollziehen (vgl. De Duve 1997,
47ff. u. 1994, bes. Teil II). Die Phänotypen von Organismen
und deren Entwicklung lassen sich ab etwa 3,5 Mrd. Jahren
vor unserer Zeit in zunächst sehr lückenhafter, dann aber
immer dichter werdender Folge nachweisen. Alles Leben lässt
sich reduktionistisch5 "streng nach den
Gesetzen von Physik und Chemie erklären" (1997, 39) und
es entsprang nachweisbar aus einer einzigen Urform (25),
deren kohlenstoffbasierte Eiweißformationen den
Grundstock aller bekannten Organisation von Lebewesen
darstellt. Diese seit dem Ende des achtzehnten
Jahrhunderts zuerst angenommene6 und später von
Charles Darwin ausformulierte Annahme (OS, 442) kann als
heute von der Biochemie bewiesen gelten: Über
wahrscheinlich katalytisch vermittelte Proteinsynthesen
der reichlich in der Umwelt verfügbaren Aminosäuren kam
es zur Synthese von Ribonucleinsäuren (De Duve 1994,
Kap. 6 u. 7; 1997, Kap. 2) und damit zum ersten
Auftreten von "Replikatoren" (Dawkins 1996, 40) als
einer Vorform der Organismen vor knapp 4 Milliarden
Jahren.
Damit war derjenige Schritt zur
Weitergabe von genetischer Information getan, an dem die
Kräne der Evolution ansetzen konnten. Wobei zu vermuten
ist, dass die Evolution schon präbiotisch, also vor
Ausbildung erster Replikatoren, an
Selbstorganisationsprozessen in der supramolekularen Chemie
ansetzte (vgl. Mainzer 1996, 75). Die Funktionsweise des
Lebens wird dabei auch durch Funde heute lebender
primitivster Organismen immer detaillierter aufgeklärt. Ein
Beispiel da für ist die in jüngerer Zeit erfolgte
Entdeckung einer neuen Ordnung in der Tierwelt: die der
Nanoarchaeota in Form der Spezies Nanoarchaeum equitans
(Huber et al 2002). Der Mangel an fossilierten Urformen
fällt angesichts dieser Entdeckungen immer weniger ins
Gewicht.
Evolution ist der Mechanismus, der für die faktische
Artenvielfalt der Geosphäre verantwortlich ist, die aus
einem bescheidenen gemeinsamen Anfang des Lebens entsprang.
Die Wirkungsweise der Evolution wurde im 19. Jahrhundert
erstmals schlüssig erkannt und beschrieben von Charles
Darwin, beruhend auf den Erfahrungen vor allem der Zeit,
als er mit der HMS Beagle Südamerika und die
Galapagosinseln besuchte, und Alfred Russell
Wallace7. Die Evolution
wirkt durch Variation und Selektion: Auf molekularer
Ebene geschehen zufällige Veränderungen im Genom, aus
deren umfangreicher Grundgesamtheit8 in einem
nichtzufälligen, kumulativen Prozess die wenigen für das
Überleben geeigneten Veränderungen weitervererbt werden.
So kommt es zu der erstaunlichen Angepasstheit des
Lebens, die der antike Mythos in Platons Protagoras so
schön als eine durch des Epimetheus Gerechtigkeitssinn
bestimmte Verteilung der Eigenschaften, die das
Überleben einer jeden Art garantiert, umschreibt
(320d-322a).9
Für den so genannten Darwinismus bzw. Neodarwinismus gibt
es nach mehrheitlicher Auffassung neben der genetischen
Variation keinen weiteren entscheidenden Faktor, an dem die
Selektion ansetzen könnte. Diese Sichtweise ist jedoch
nicht völlig unstrittig. So bemüht sich etwa der Biologe
Brian Goodwin seit längerem um eine Ablösung der
"genzentrierten Biologie" durch einen
"organismenzentrierten" Ansatz, da der molekularbiologische
Reduktionismus seiner Ansicht nach die Entwicklung und
Existenz von Organismen als selbstorganisierende Systeme
nicht gänzlich zu erklären vermag (Goodwin 1982 u. 1994;
hier 1994, 3). Ganz ähnlich argumentiert der Biologe Steven
Rose (2000). Peter Janich und Michael Weingarten betonen
die Unentschiedenheit mathematischer und naturalistischer
(aus Züchtungssicht entwickelter) Populationsgenetik und
deren verschiedene Erklärungsmuster der Evolution (Janich/
Weingarten 1999, 190-195, 257). Alle Erklärungsmodelle des
evolutionären Geschehens teilen jedoch die entscheidenden
der Phylogenese unterliegenden Erklärungsmuster von
Veränderungs- und daran ansetzenden Auswahlprozessen. Die
Selektionstheorie kann als sichere Erkenntnis gelten; sie
ist in den Worten von Rose "eines der wenigen spezifisch
biologischen Gesetze [und] rangiert neben den großen
Universalien der Physik" (2000, 199).
Das entscheidende Merkmal des ‚Auswahlprozesses‘ der
natürlichen Selektion ist, dass es sich eben nicht um eine
Auswahl handelt, sondern um einen algorithmisch ablaufenden
Trial-and-Error-Prozess, bei dem es weder eine aktiv
anstoßende Institution gibt – stattdessen nur die zufällige
Variation auf der genetischen Ebene – noch eine bewusst
auswählende Instanz, die über die Eignung der Variation
befindet – stattdessen nur ein ergebnisoffenes Ausprobieren
anhand der Frage »Passt sich diese Variation der inner- und
extragenomischen Umwelt funktional verbessernd, neutral
oder hindernd ein?«. Insbesondere die Rolle des Zufalls in
Darwins Theorie zeigt die Ablehnung eines Auswahlgedankens
auf das Deutlichste: "Die entscheidende Rolle, die Darwin
dem Begriff Zufall zuteilt, besteht darin, jedem
zielgerichteten Erklärungsfaktor eine Absage zu erteilen"
(Hösle/ Illies 1999, 88).10 Die Entdeckung
der Prinzipien der Evolution, die Charles Darwin
geschuldet ist, auch wenn er sie weder voraussetzungslos
entdeckte noch ihre Reichweite ganz verstanden hat (vgl.
dazu Dennett 1996, 33), war eine der für das
Selbstverständnis des Menschen folgenreichsten Ideen, da
sie ihn und auch sein konstituierendes Merkmal, den
menschlichen Geist, als ‚bloßes‘ Evolutionsprodukt (De
Duve 1997, 375), zu einem Zufallsprodukt zu degradieren
schien.
III. Das
Evolutionskonzept als wissenschaftliche Theorie
Die Faktizität der Evolution ist innerhalb der
Wissenschaften unbestritten (vgl. dazu als wohl beste
Einführung in die Evolutionstheorie Mayr 2005). Auch wenn
es sich beim Homo sapiens und seiner Selbstbewusstheit
gerade nicht um ein Zufallsprodukt, sondern um ein Produkt
der Entwicklung kumulativer Adaptionen an die Erfordernisse
des (Über-)Lebens handelt, so fehlt der Entwicklung doch
jegliche Zweckausrichtung, die über das reine Testen von
Variationen des Genoms im Hinblick auf die Möglichkeit
einer Steigerung der Überlebensfähigkeit hinausgeht. Hinter
der Evolution steckt kein von wem oder was auch immer
angestrebtes telos und das so gerne gezeichnete Bild vom
Fortschritt in der Evolution ist eine "Illusion"11.
Darwins "gefährliche Idee“12 des Ursprungs der
Arten aus natürlicher Selektion besteht darin, dass sie
einen möglichen Sinn des Lebens, der auf einem
transzendentalen Ursprung und Ziel aufbaut, aus dem
Reich der Empirie in das der Spekulation und des
Glaubens verwiesen hat. Dies scheint in Moderne und
Postmoderne kein so entscheidender Schritt zu sein, da
nun Allgemeingut ist, dass metaphysische Annahmen
prinzipiell nicht in der Erfahrung verwurzelt werden
können. Breitenwirksame Spekulationen wie einige mehr
oder weniger fundamentalistische Glaubensrichtungen
versuchen jedoch zusätzliche Überzeugungskraft aus
empirischen Sachverhalten zu gewinnen, die die
geglaubten Dogmen anscheinend unterstützen. Der Versuch
des Rückgriffs auf empirische Sachverhalte zur Stützung
des Glaubens wird beispielsweise unter anderem durch die
nicht streng ontologischen13
Gottesbeweisversuche belegt. Auch wenn aber die
Evolutionstheorie heute allgemeiner Bestand des
menschlichen Wissens ist, so kann die Entdeckung14 ihrer Prinzipien
durch Darwin in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden.
Dabei heben beispielsweise Ernst Mayr sowie Vittorio
Hösle und Christian Illies nicht nur die Bedeutung des
Biologen Darwin hervor, sondern zeigen auch, welchen
Einfluss er auf das wissenschaftliche Weltbild und die
Philosophie hatte (vgl. Mayr 1993; 2000, 76 u. 235-253;
Hösle/Illies 1999, Kap. 2.6).
Die Angriffe auf die Evolutionstheorie bestehen teilweise
aus bloßer Spekulation - manchmal handelt es sich sogar um
gänzlich argumentationsfreie Polemiken, etwa jüngst bei
Ralf Isau, der in seiner Kreationismusapologie völlig
darauf verzichtet, inhaltlich zu argumentieren (Isau 2005),
die beispielsweise an einem physiko-theologischen Gedanken
festhaltend, schlicht behauptet, dass die beobachtbare
Komplexität des Lebens aus bloßer Evolution nicht möglich
sei. Andere Angriffe basieren auf empirischen Beobachtungen
und versuchen, dem Evolutionsgedanken Beispiele
entgegenzustellen, die dieser mit seinen Voraussetzungen
nicht erklären kann. So wurde beispielsweise argumentiert,
dass die Zeit seit den Anfängen des Lebens auf der Erde
nicht ausgereicht haben könne, um die existierende Vielfalt
hervorzubringen. Doch heute ist durch populationsgenetische
Berechnungen erwiesen, dass die Evolution durchaus die
Verursacherin der anzutreffenden Mannigfaltigkeit innerhalb
der gegebenen Zeitspanne sein kann.15 Andere Einwände
richten sich auf bestimmte Merkmale von Lebewesen, für
die nicht einzusehen sein soll, wie sie sich
schrittweise entwickelt haben könnten. Fünfzig Jahre vor
der Erstveröffentlichung von Darwins Origins of Species
1859 drückte der anglikanische Theologe William Paley
seine Überzeugung der "evidence of the existence of the
Deity from the appearances of nature" dadurch aus, dass
er insistierte, wenn man plötzlich auf dem Boden eine
Uhr fände, man zwangsläufig davon ausgehen müsse, dass
es auch einen Uhrmacher gäbe.16 Paley begründete
mit dieser Argumentation eine Tradition der
Evolutionskritik, sich bis heute durchzieht und gerade
am beginn des 21. Jahrhunderts unter dem begriff des
intelligent design eine besondere Renaissance erfährt.
eine renaissance und Beachtung, die es verdient, dass
ich auf diese pseudowissenschaftliche These in einem
gesonderten Artikel eingehe, der hier zu finden ist.
Beispiele für ‚Uhren‘ Paleys sind Augen oder Flügel, die
nach Meinung der Kritiker Darwins nur instantan erschienen
sein konnten, da Vorformen und Zwischenschritte nicht
funktional gewesen wären und somit keinen Selektionsvorteil
geboten hätten sind etwa das Auge und der Flügel: nur das
entwickelte Auge kann sehen, nur der entwickelte Flügel
erlaubt den Flug. Dass Augen sich durchaus aus Ansammlungen
photosensitiver Zellen entwickelt haben können und dass
diese auch in ihren Frühstadien einen Überlebensvorteil
darstellen, da sie, wenn auch nur sehr ungenau, eben doch
‚sehen‘ können, lässt sich an verschiedenen Tierarten
nachweisen, die über unterschiedlich entwickelte Frühformen
von Augen bis hin zu den höchstenwickelten Ausprägungen
verfügen (Dawkins 2001, Kap. 5). Die Entwicklung von
Flügeln aus einem als Mittel zur Temperaturregulation
dienenden Federkleid bei einigen Dinosaurierarten (anfangs
waren Federn eine Konkurrenzentwicklung zum Pelz und noch
bei weitem nicht Mittel zum Zwecke des Fluges) – den
Vorfahren der Vögel – lässt sich anhand von Fossilien
belegen. Im Fall der Insekten gibt es überzeugende
Hinweise, dass die Flügel aus Sonnensegeln entstanden, die
der Wärmeregulation dienten (Kap. 4). Sowohl für Flügel als
auch für Augen gilt zudem wie für die meisten Merkmale
heutiger Lebewesen, dass sie sich mehrfach entwickelt
haben. Von den Sehorganen sind in verschiedenen Ordnungen
beispielsweise mindestens 40 konvergente Entwicklungen
bekannt (160, Gehring/ Ikeo 1999, 37117). Das Phänomen
der konvergenten Evolution kann selbst als ein "Beleg"
für das Wirken der Evolution angesehen werden (Dawkins
2001, 136).
Die Evolution kommt nach den Erkenntnissen der
Erfahrungswissenschaften ebenso ohne einen Schöpfer aus wie
die Entwicklung des Kosmos. Das ist natürlich kein Beweis
gegen die Existenz einer schöpferischen Kraft, da die
Aufklärung von empirischen Ursachenketten, egal wie
erfolgreich sie auch sein mag, ad infinitum geht und in
keinem Fall etwas über die Existenz oder Nichtexistenz der
Erstursache aussagen kann. Diese Annahme bleibt jedoch
Spekulation und greift wiederum über die
Erklärungsmöglichkeiten der Naturwissenschaften prinzipiell
hinaus. Was man – spekulativ! - beispielsweise annehmen
kann, ist, dass, sollte es einen göttlichen Uhrmacher
geben, dieser nicht unbedingt blind zu nennen sein müsste,
wie Dawkins plakativ und (es ist schließlich ein Buchtitel)
sicher auch werbewirksam bemerkt (1996b). Er müsste sich
auch nicht, wie Jonas annimmt, selbst entäußert haben, um
das Universum zur Existenz zu bringen (Jonas 1987, 45).
Aber er hätte sich, nach allem was empirisch aufzeigbar
ist, anscheinend entschlossen, einen Bereich zu schaffen,
in dem er keine Macht hat (vgl. Peacock 1996, 181) und
durch diesen Akt Freiheit ermöglicht. Dieser Eindruck wird
durch die nicht vorhersagbare Organisation von Materie,
durch materielle Selbstorganisationsprozesse und die
nichtlineare Dynamik ihrer Interaktion im Allgemeinen sowie
der nach den gleichen Prinzipien ablaufenden Entwicklung
des Lebens im Besonderen nahegelegt (vgl. Reiber
1998).18 Dass natürlich
ein allmächtiger Schöpfer die Welt und das Universum, so
wie sie sind, vor sechstausend Jahren – oder gestern –
geschaffen haben könnte, um den Glauben der Menschen an
die offenbarte Wahrheit in Versuchung zu führen, ist
damit nicht ausgeschlossen. Diese Position eignet sich
jedoch nicht für eine wissenschaftliche Zugangsweise.
Es gibt heute nur wenigen
Zweifel daran,19 dass die Annahmen
der Evolutionstheorie zutreffend sind, so dass für die
vorliegende Untersuchung davon ausgegangen wird, dass
Leben sich auf diese Weise entwickelte und weiterhin
entwickelt und dass die Entwicklung des Lebens ohne
einen Schöpfer auskommen kann. Diese Annahme ist für die
aktuelle Diskussion der Möglichkeiten der neuen
Biotechnologien (Weinreich 2005) an den Stellen wichtig,
wo ethisch motivierte Aussagen sich auf transzendentale
Begründungen des Lebens, auf Spekulationen über seine
Heiligkeit oder auf Postulat und Interpretation eines
göttlichen Willens zu stützen versuchen.
Metaphysisch und religiös gründende Annahmen entbehren des
Beweises und können deshalb unter Annahme eines plural
ausgeprägten Weltbildes nur bedingte Gültigkeit in Anspruch
nehmen, ohne dass damit deren Wahrheitsgehalt per se
angezweifelt werden soll. Es ist meines Erachtens legitim,
im Zusammenhang mit dem Leben Vokabeln wie ‚Wert‘ und
‚Würde‘, gerne auch ‚Absolutheit‘, ‚Unbedingtheit‘ oder
sogar ‚Heiligkeit‘ zu gebrauchen. Es ist auch notwendig,
dergestaltige Wertaussagen und -zuweisungen zu formulieren,
da sie ethikkonstituierende Elemente sein können. Nur muss,
wer dies tut, seine Voraussetzungen erklären. Der
Erklärungsanspruch wird noch einmal verstärkt, wenn
derartige Prinzipien verbindlich werden sollen – und was
wäre der Sinn der Zuschreibung von Heiligkeit, wenn diese
nicht auch gleichzeitig verpflichtete? Aus dem So-Sein des
Kosmos, soweit er den Möglichkeiten intersubjektiv gültiger
menschlicher Erfahrung zugänglich ist, erschließen sich
solche Zuschreibungen aber nicht.
1 Verständliche einführende Überblicke
über die frühe Geschichte des Universums, unseres
Sonnensystems, der Erde und den Beginn des Lebens
bieten bspw. De Duve 1994 u. 1997, Kap. 1-4, und
Asimov\index{Asimov, I.} 1990. In beiden Publikationen
de Duves\index{De Duve, Chr.} ist thematisch geordnet
umfängliche weiterführende Literatur angegeben.% }
2 Dawkins: "The most important
ingredient is cumulative selection" (1996b, 49)
3 Natürlich ‚wählt‘ Selektion
nicht ‚aus‘, ebensowenig wie es egoistische Gene
(Dawkins 1996) geben kann, da ein Gen als
DNA-Abschnitt keinen Willen oder Antrieb hat und
deshalb auch nicht eigensüchtig sein kann; es
handelt sich um ein "Sprachspiel" (Wuketits 1990,
58) zur Veranschaulichung einer bestimmten
Vorstellung des genetischen Einflusses auf das
Verhalten von Organismen. Der Gebrauch von
Metaphern in wissenschaftlichen Zusammenhängen ist
nicht ohne eine gewisse Gefahr des
Missverstandenwerdens möglich, kann aber nötig
werden, um bestimmte Blickwinkel hervorzuheben
(vgl. Dawkins 1996, Vorwort zur 2. Auflage). Wie
weit Missverständnisse reichen können, hat gerade
der Biotheoretiker Richard Dawkins immer wieder
erfahren müssen, der äußerst metaphernreich zu
schreiben pflegt und dafür regelmäßig kritisiert
wird, weil besonders seine Anthropomorphismen
unbelebten und unbewussten natürlichen
Sachverhalten eine Intentionalität beizulegen
scheinen, die sie unmöglich aufweisen können. Der
Gebrauch von Metaphern kann jedoch andererseits
erhellend sein, indem Sachverhalte auch in
epistemologischen Zusammenhängen durch den
"uneigentlichen" Sprachgebrauch von "Bildlichkeit"
deutlicher umschrieben werden können als es die
konventionelle oder wissenschaftlich korrekte –
und oftmals schwerer verständliche – Diktion
erlaubt (vgl. Korte 1996, bes. 264f.). Solange
aber die Metaphern in eine korrekte Ausdrucksweise
zurückübersetzt werden können, ist ihr Gebrauch
grundsätzlich nützlich und es spricht wenig
dagegen, ihn fortzuführen. An den Stellen, an
denen die Metapher nicht aus sich heraus deutlich
wird, stelle ich uneigentlichen oder neugeprägten
Wortgebrauch in einzelne Hochkommata wie im obigen
Beispiel der 'Fort'-Entwicklung, das so gemeint
ist, dass ich eben im gleichen Sinn wie der
verstorbene Stephen Gould – ein weiterer, oft mit
Dawkins streitender, Biotheoretiker – auch denke,
dass man bei der Evolution nicht von einem echten
Fortschritt im Sinne absichtsvoller Entwicklungen
reden kann.
4 "Als Darwin seine Theorie der
Evolution durch natürlich Auslese 1859 zum
ersten Male veröffentlichte, war das, was viele
Fachleute am meisten störte, weder die
Vorstellung der Artveränderung noch die mögliche
Abstammung vom Affen" (Kuhn 1976, 183). Vielmehr
wurde das Evolutionskonzept Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts schon geraume Zeit
diskutiert. Bis dato nahm man in diesem
Zusammenhang jedoch an, dass die Evolution von
Gott in Richtung auf das Auftreten des Menschen
hin eingerichtet worden war. Darwin zeigte nun
jedoch, dass die Entwicklung auch ohne Ziel und
Lenkung funktionieren konnte. "Für viele
Menschen war die Verabschiedung dieser
teleologischen Form der Evolution das
Bedeutungsvollste und am wenigsten Angenehme an
Darwins Anregungen" (183).
5 Zu dieser reduktionistischen
Sicht gibt es durchaus kritische Einwürfe, die
bestreiten, dass die Erklärung von Leben sich
vollkommen auf physikalisch-chemische Aspekte
beschränken lässt (vgl. bspw. die Beiträge der
entsprechenden thematischen Sammelbände von
Bernd-Olaf Küppers 1987 und Ernst Peter
Fischer 1990). Aus bspw. einer
systemtheoretischen Sicht ist in der Tat
begründeter Zweifel anzumelden, ob sich
Organismen innerhalb einer nur
metabolistischen Sicht erschöpfend einschätzen
lassen oder ob nicht, wie etwa Klaus Mainzer
sagt "ganzheitliche Phänomene" wie
"Population, Gesellschaftssysteme und ihre
Umwelt" hinzugenommen müssen (Mainzer 1990,
33). Doch ist dies nicht der Ort der Frage
nach einer umfassenden Definition von Leben
nachzugehen und es reicht für die vorliegenden
Betrachtungen aus, sich bezüglich der
Evolution auf den reduktionistischen Aspekt zu
beschränken, der ja wenigstens auch eine
zutreffende Beschreibung der Eigenschaft von
Leben ist.
6 In einem der den Origin of
Species in einigen Ausgaben vorgestellten
Kapitel stellt Darwin unter dem Titel An
Historical Sketch diejenigen Autoren vor,
die sich vor ihm mit der Idee der Evolution
und mit Evolutionstheorien beschäftigten und
ihn damit wesentlich beeinflussten. Die
Jahre 1794-95 nennt Darwin als den Zeitraum,
in dem erste ernst zu nehmende Anstöße der
Evolutionstheorie durch seinen Großvater
Erasmus, durch Goethe und durch Isidore
Geoffroy Saint-Hilaire eingebracht wurden
(Darwin 1988, 54f.).
7 Vgl. auch Anm. 6: Es gab
vor Darwin und Wallace Autoren, die die
Idee einer evolutionären Entwicklung der
Lebewesen vorbrachten. Diese brachten ihre
Ideen jedoch ohne schlüssige Beweise,
unvollständig oder – wie Jean Baptiste de
Lamarck, der von einer Vererbbarkeit
erworbener Merkmale ausging – unter
Hinzufügung unzutreffender Erklärungen
vor. Eine sehr schöne, knappe Einführung
in die Evolution, den Evolutionsbegriff
und die Erklärungsleistungen und Grenzen
der Evolution sowie ihren
wissenschaftstheoretischen Standort bietet
der Philosoph Gerhard Vollmer in seinen
Beiträgen Der Evolutionsbegriff als Mittel
zur Synthese und Der
wissenschaftstheoretische Status der
Evolutionstheorie (Vollmer 1995b, 1995c),
die in dem lesenswerten Sammelband
Biophilosophie abgedruckt sind (1995).
8 Die Mutationsfrequenz
liegt in der Größenordnung von "etwa 10
hoch minus 6 Mutationen pro Generation
pro Gen" (Hofbauer/ Sigmund 1984, 18).
9 Eine gerade für die
Fragen der Bioethik wichtige
Interpretation des Protagoras, die
Fragen nach den biologischen
Grundlagen von Moral und der
evolutionären Ethik in den Mittelpunkt
stellt, liefert Ernst Tugendhats
lesenswerter Beitrag Gibt es eine
moderne Moral? (Tugendhat 1996, bes.
326ff.).
10
Janich
und Weingarten betonen zwar mit
entsprechenden Quellenbelegen, die
wohl zutreffende Annahme, dass
Darwin ganz wesentlich von der
Züchtung von Nutztieren beeinflusst
worden ist (Janich/ Weingarten 1999,
Kap. 6.4), dies bedeutet jedoch
nicht, dass dem Zufall seine
wichtige Rolle bestritten werden
könnte. Darwin selbst bezeichnete
den Begriff Auswahl (selection) in
der sechsten Auflage der OS als im
Zusammenhang mit der natürlichen
Evolution eigentlich falsch gewählt
(OS, 66).
11
So
der deutsche Titel eines Buches
von Stephen Gould, das dieses
Thema detailliert ausführt. Janich
und Weingarten betonen zu Recht:
"Es handelt sich [wenn von
‚Fortschritt‘ in der Evolution die
Rede ist] immer nur um eine
relative Aussage bezüglich der
Passung, nicht aber um einen
absolut verstandenen Fortschritt
zu immer ‚höheren‘, ‚besseren‘
oder ‚komplexeren‘ Organismen"
(1999, 244f.). Die Autoren fahren
sodann mit der wichtigen
Implikation für das menschliche
Leben fort: "Dies festzuhalten ist
schon allein deshalb wichtig, weil
der Sozialdarwinismus (in allen
seinen Spielarten) aus dem
relativen Wert einer Passung eine
absolute Wertigkeit machte. Erst
durch diese evolutionstheoretisch
nicht abgedeckte Veränderung in
der Argumentation kann plausibel
erscheinen, daß ein Wirbeltier
‚höher‘ sei als ein Wurm, der
Mensch ‚höher entwickelt‘ als ein
Tier und auch, daß weiße Menschen
‚höherwertiger‘ seien als
nicht-weiße Menschen" (245; meine
Hvhbg.). Dieser Gedanke ist
insbesondere für die im dritten
Kapitel von Anspruchsvolle
Schlüsse entwickelte, von der
Gleichheit und moralischen
Gleichwertigkeit von Menschen
abhängende Ethik wichtig! So sehr
der Mensch sich auch dadurch
gekränkt fühlen mag, dass nichts
an seinem spezifischen Sein sich
auf einen höheren Plan
zurückführen lässt. Aber die
"Vorsehung" ist nach heutigem
Erkenntnisstand "ausgeschlossen"
(De Duve 1997, 38).
12
Der Begriff
stammt von Daniel Dennett, der
die "Gefahr" des
Evolutionsgedankens an der
Plausibilität der Erklärung von
Gestaltung ohne Gestalter
festmacht: "Darwin‘s dangerous
idea is that Design can emerge
from mere Order via an
algorithmic process that makes
no use of pre-existing Mind"
(1996, 83).
13
Nach Kant
(KWA IV, 554f.) lassen sich im
Prinzip alle Gottesbeweise auf
den ontologischen
zurückführen. Streng
ontologisch sind jedoch nur
die Beweise, die "aus reinen
Vernunftbegriffen" (555) auf
Gott zu schließen meinen. Ein
Beispiel dafür ist etwa das
berühmte Argument des Anselm
v. Canterbury. Vgl. einführend
dazu Weinreich 2001,
hier auf
dieser
Seite.
14
Darwin
entdeckte nicht das Faktum
der Evolution, sondern
brachte ihre wesentlichen
Elemente in einer
schlüssigen Erklärung unter.
Die Evolution stand als Idee
1859 schon länger im Raum.
Sie ist bspw. schon in der
Zoonomia seines Großvaters
Erasmus beschrieben. Lamarck
stellte 1800 die "erste
echte Theorie" einer
Evolution auf (Mayr 2000,
135), die allerdings auf
Grund der in dieser Form
falschen Annahme der
Vererbung erworbener
Eigenschaften und der
Einbettung teleologischer
Elemente (71) abgelehnt
werden muss. Darwin konnte
nun erstmals schlüssig
erklären, welchen
Gesetzmäßigkeiten die
Evolution folgt. Auch diese
Entdeckung ist ihm nicht
gänzlich allein geschuldet,
da Alfred Russell Wallace
1858 mit einer analog zu
Darwin ausformulierten
Theorie der
Evolutionsmechanismen zu
diesem Kontakt aufnahm: On
the Tendencies of Varieties
to depart indefinitely from
the original Type. Darwin
und Wallace traten dann
gemeinsam als Entdecker der
selektionsbedingten
Evolution auf (vgl. Darwin
1993, 125f., zum Kontext der
Publikation der OS vgl.
122-130). Darwins größerer
Ruhm dürfte wohl auf der
elaborierteren Theorie und
des Umfangs seiner
empirischen Belege beruhen
sowie vielleicht auf den
außerordentlichen
literarischen Qualitäten –
Eigenschaften die der Autor
bei sich gar nicht sah: "Bei
den eher bescheidenen
Fähigkeiten, die ich
besitze, ist es wahrhaft
erstaunlich, daß ich die
Überzeugungen von
Wissenschaftlern in manchem
wichtigen Punkt so stark
beeinflußt haben soll"
(152).
15
Vgl.
Dazu Hofbauer/ Sigmund
1984, Teil I, wo die
entsprechenden Gleichungen
aufgeführt sind.
16
William
Paley: Natural Theology
– or Evidence of the
Existence and Attributes
of the Deity Collected
from the Appearances of
Nature, zit. n. De Duve
1997, 363. Von Paley
stammt das Bild Gottes
als eines Uhrmachers,
auf das sich Richard
Dawkins mit dem Titel
The Blind Watchmaker
(Dawkins 1996a) bezieht.
Es besteht eine gewisse
Ironie der Geschichte
darin, dass Darwin,
dessen "gefährliche
Idee" die christliche
Lehre wie keine andere
erschüttern sollte,
während seiner
Ausbildung zum
anglikanischen
Geistlichen seinen
Studienschwerpunkt
ausgerechnet auf die
Arbeiten Paleys und
dessen
physikotheologische
Gottesbeweise legte
(vgl. Darwin 1993, 63).
17
Allerdings
gehen Walter Gehring
und Kazuho Ikeo davon
aus, dass Augen
monophyletischen
Ursprungs sind, da sie
ein Gen identifizieren
konnten, dass in
Säugetieren ebenso wie
in Fischen, Insekten
und Wirbellosen für
die Anlage von Augen
verantwortlich ist
(vgl. 1999, 375 dort
Abb. 3). Das
widerspricht aber auch
nicht zwingend dem
Gedanken einer
polyphyletischen
Entwicklung, da eine
konvergente
Genentwicklung aus
mikrobiologischer
Sicht keinesfalls
unplausibel ist.
18
"Die
meisten natürlichen
Prozesse sind so
komplex wie das
Wetter – die Welt
ist fundamental
unvorhersagbar in
dem Sinne, daß
kleine Veränderungen
der
Ausgangsbedingungen
zu unvorhersagbaren
Ereignissen führen"
(Reiber 1998, 405).
Zum Thema
Komplexität und
Chaos vgl.
einführend James
Gleicks Buch Chaos.
Making a New Science
(Gleick 1988) sowie
einführend in den
Zusammenhang von
Chaostheorie und
Biologie Robert
Wessons Chaos,
Zufall und Auslese
in der Natur (vgl.
Wesson 1995, bes.
Kap. 8-10).
Der Terminus "nicht
vorhersagbar" ist
bewusst gewählt, da die
Worte ‚nicht
deterministisch‘, die
in diesem Zusammenhang
oft gebraucht werden,
nicht zutreffend sind.
Der Physiker David
Deutsch hebt zu Recht
hervor: "Der
Unterschied zwischen
Unvorhersagbarkeit und
Undurchführbarkeit ist
wichtig" (Deutsch 2002,
192). ‚Nicht
deterministisch‘ wird
zutreffender Weise im
Zusammenhang mit der
Quantenmechanik
verwandt und bedeutet
nur dort ‚nicht
festgelegt‘. Dass in
der Chaostheorie von
Nichtdeterminismus
gesprochen wird, heißt
nicht, dass etwas, das
auf Grund seiner
Komplexität nicht
vorausgesagt werden
kann (der berühmte
Schmetterling am
Amazonas, dessen
Flügelschlag in Europa
ein Unwetter
verursacht), nicht doch
auch verursacht wäre
und auf kleinem Level
determiniert wäre
(Mikrodeterminismus).
Im genannten Beispiel
verursacht der
Flügelschlag wirklich
das Unwetter. Die
minimale örtliche
Turbulenz führt zu
einer vorhersehbaren
Folgesituation, aus der
sich unvorhersagbar der
Sturm entwickelt. Wird
der Schmetterling
vorher von einem Vogel
verspeist, so ändert
sich nur ein
entscheidender
Parameter der
Gleichung, in deren
Folge der Sturm
ausbleibt. Das ist aber
kein Beweis für die
prinzipielle
Unmöglichkeit der
Berechnung, auch wenn
derartige Kalkulationen
nur durch Gott aber
nicht durch Menschen
und ihre Hilfsmittel
durchgeführt werden
könnten (vgl. Mainzer
1995, 450). "Bei der
Chaostheorie geht es um
Beschränkungen der
Vorhersagbarkeit in der
klassischen Physik, die
von der Tatsache
herrühren, daß
klassische Systeme
inhärent instabil sind"
(Deutsch 2002, 189).
Das wiederum zeigt,
dass der Optimismus des
französischen Physikers
Pierre-Simon Laplace,
der in der Einleitung
zur Théorie analytique
des probalitités von
1812 behauptet hatte,
dass sich jeglicher
zukünftige Zustand der
Welt auf Grund der
Kenntnis ihres
derzeitigen Zustandes
im Prinzip voraussagen
ließe, natürlich keine
Verwirklichung findet:
"Die Unkenntnis der
verschiedenen Ursachen,
die an der Entstehung
von Ereignissen
beteiligt sind, sowie
ihre Kompliziertheit
zusammen mit der
Unvollkommenheit der
Analysen verhindern,
dass wir bei der
riesigen Mehrzahl der
Phänomene zu der
gleichen Sicherheit
gelangen", so Gould
über Laplace (2001, 39)
und der Physiker
Alistair Rae
bekräftigt, dass
spätestens die
Quantenphysik den
einfachen Determinismus
in der von Laplace
angenommenen Form
widerlegt hat (Rae
1996, 13f.), was in den
Worten des Physikers
Joseph Ford heißt:
"Chaos eliminates the
Laplacian fantasy of
deterministic
predictability" (Ford
o.J., 12, zit. n.
Gleick 1988, 6).
19
Dass
es auch unter
Naturwissenschaftlern
Zweifel zwar kaum
generell an der
Faktizität der
Evolution aber an
einigen Aussagen
und Schlüssen der
Evolutionstheorie
gibt, diskutiert
bspw. Dennett in
Darwins Dangerous
Idea (1996), in
den Kapiteln 10
und 15. Vgl. auch
Goodwin 1982 u.
1994 sowie die
modifizierende
Einbeziehung von
Annahmen aus der
Chaostheorie bei
Wesson 1995. Eine
grundsätzlichere
Kritik – am sog.
Darwinismus, nicht
explizit am
Evolutionsgedanken
– aus
wissenschaftstheoretischen
Gründen formuliert
Popper, die jedoch
nicht die
Faktizität von
Evolution
bestreitet,
sondern einen
etwaigen Anspruch
auf universelle
Gültigkeit (1973,
294ff.). Die
prinzipielle
Unumstrittenheit
des evolutionären
Erklärungsansatzes
hat Auswirkungen
in Gesellschaft,
Politik und
Justiz, so hat
sich z.B. der U.S.
Supreme Court dem
Urteil
angeschlossen,
dass die
konkurrierenden
Ansichten des
Kreationismus
keinen
Wissenschaftsstatus
beanspruchen
können (Ruse 1995,
277, vgl. zu
Aussagen,
Geschichte und
Durchsetzungsstrategien
des Kreationismus
als eine der
Evolutionslehre
regelrecht
feindlich gesinnte
Ideologie zudem
Scott 1997; den
Kreationismus
charakterisiert
Scott sehr schön
als eine Lehre,
die was sein soll
als das erklärt,
was ist, 505).
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